Fußball in Südamerika: Leidenschaft, Dramatik und pure Emotion

Fußball in Südamerika: Leidenschaft, Dramatik und pure Emotion

Rio de Janeiro, 16. Juli 1950.

Im Maracanã-Stadion herrscht eine Stimmung wie bei einer vorgezogenen Siegesfeier. Brasilien benötigt im entscheidenden Spiel der Weltmeisterschaft gegen Uruguay lediglich ein Unentschieden, um erstmals Weltmeister zu werden. Rund 174.000 Zuschauer sind offiziell im Stadion – vermutlich waren es sogar mehr als 200.000.

Brasilien geht kurz nach der Halbzeit in Führung. Das Maracanã bebt. Niemand zweifelt mehr am Triumph der Seleção.

Doch Uruguay gleicht aus. Und dann, elf Minuten vor dem Ende, trifft Alcides Ghiggia zum 2:1.

Plötzlich ist es still.

Ein ganzes Land kann kaum begreifen, was gerade geschehen ist. Der Radioreporter Luiz Mendes wiederholt mit immer schwächer werdender Stimme: „Gol do Uruguay. Gol do Uruguay …“

Uruguay gewinnt seinen zweiten Weltmeistertitel. Für Brasilien wird die Niederlage zum nationalen Trauma: dem Maracanaço, dem Schock von Maracanã. Bis heute gehört das Spiel zu den größten Sensationen der Fußballgeschichte. Selbst die brasilianische 1:7-Niederlage gegen Deutschland bei der Heim-WM 2014 wirkt dagegen fast wie ein gewöhnlicher Betriebsunfall.

Fußball in Südamerika. Dieter Ruppert ist ein großer Fan
Fußball in Südamerika. Dieter Ruppert ist ein großer Fan

Brasiliens Antwort: fünf Weltmeistertitel und ein König namens Pelé

Brasilien brauchte acht Jahre, um auf die Katastrophe von 1950 zu antworten. Dann begann eine Erfolgsserie, die den Weltfußball verändern sollte.

Zwischen 1958 und 2002 gewann die Seleção fünf Weltmeisterschaften:

  • 1958 in Schweden
  • 1962 in Chile
  • 1970 in Mexiko
  • 1994 in den USA
  • 2002 in Südkorea und Japan

Kein anderes Land wurde häufiger Fußballweltmeister.

Spieler wie Garrincha, Zico, Romário, Ronaldo und Ronaldinho stehen für unterschiedliche Epochen des brasilianischen Fußballs. Für Leichtigkeit, technische Brillanz, Improvisation und manchmal auch für jene gewisse Portion Größenwahn, ohne die großer Fußball vermutlich gar nicht möglich wäre.

Über allen thronte jedoch Pelé.

Er nahm zwischen 1958 und 1970 an vier Weltmeisterschaften teil und gewann drei davon. Bis heute ist er der einzige Spieler mit drei WM-Titeln. Bereits bei seinem ersten Triumph 1958 war Pelé gerade einmal 17 Jahre alt.

Später wechselte er zu New York Cosmos. Gemeinsam mit Franz Beckenbauer trug er entscheidend dazu bei, Fußball in den USA populärer zu machen. Pelé war längst nicht mehr nur ein Spieler. Er war zum weltweiten Botschafter des Fußballs geworden.

Fußball in Südamerika.
Celebrations in the streets of the City of Buenos Aires for the Triumph at the World Cup in Soccer on Sunday, December 18, 2022,
Fußball in Südamerika.

Argentinien: Fußball als Religion und nationale Identität

In Argentinien ist Fußball kein gewöhnlicher Sport. Er ist Glaube, Leidenschaft, gesellschaftliches Ventil und Teil der nationalen Identität.

Die Albiceleste gewann bislang drei Weltmeisterschaften: 1978, 1986 und 2022. Zwei Namen überragen dabei alle anderen: Diego Maradona und Lionel Messi.

Maradona verzauberte die Welt bei der WM 1986 in Mexiko. Im Viertelfinale gegen England erzielte er zunächst das berühmte Tor mit der „Hand Gottes“ – und wenige Minuten später eines der spektakulärsten Tore der Fußballgeschichte.

Lionel Messi musste deutlich länger auf seinen WM-Triumph warten. 2022 führte er Argentinien in Katar zum dritten Titel. Nach mehreren verlorenen Endspielen war es für ihn und Millionen argentinische Fans die Erlösung.

Der Titel von 1978 und seine dunkle Begleitgeschichte

Den ersten Weltmeistertitel gewann Argentinien 1978 im eigenen Land. Spieler wie Mario Kempes, Kapitän Daniel Passarella und Trainer César Luis Menotti, genannt „El Flaco“, prägten das Turnier.

Doch die sportliche Geschichte lässt sich nicht von den politischen Ereignissen jener Zeit trennen.

Argentinien wurde von einer brutalen Militärdiktatur beherrscht. Tausende Menschen wurden verschleppt, gefoltert und ermordet. Bis heute werden sie als die „Verschwundenen“ bezeichnet.

Das Regime nutzte die Weltmeisterschaft, um Stärke, Ordnung und nationale Geschlossenheit zu demonstrieren. Während in den Stadien gefeiert wurde, befanden sich teilweise nur wenige Kilometer entfernt geheime Haft- und Folterzentren.

Der WM-Triumph von 1978 war deshalb beides zugleich: ein großer sportlicher Erfolg und ein von der Diktatur instrumentalisiertes Propagandaspektakel.

Fussball Brasilien 2
Rio de Janeiro, Brazil – February 05, 2016: Silhouette of unidentified locals playing ball game at sunset in Ipanema beach, Rio de Janeiro, Brazil.

 

Boca gegen River: Mehr als ein Fußballspiel

Wie tief Fußball in der argentinischen Gesellschaft verwurzelt ist, zeigt sich besonders beim Superclásico zwischen Boca Juniors und River Plate.

Wenn beide Vereine aufeinandertreffen, wird Buenos Aires zum brodelnden Kessel. Gesänge, Fahnen, Trommeln und Choreografien verwandeln die Tribünen in ein Meer aus Farben und Emotionen.

Boca Juniors gilt traditionell als Verein der Arbeiter und Einwanderer aus dem Hafenviertel La Boca. River Plate wird dagegen mit wohlhabenderen Bevölkerungsschichten verbunden – auch wenn diese gesellschaftliche Trennung heute längst nicht mehr so eindeutig ist.

Das Superclásico bleibt dennoch weit mehr als ein Stadtderby. Es ist ein Kampf um Herkunft, Stolz, Familie und Identität.

Kolumbien: Genialität, Aufbruch und eine große Tragödie

Auch die Geschichte des kolumbianischen Fußballs ist voller Gegensätze.

Nach der chaotischen El-Dorado-Ära der 1950er-Jahre erlebte der Profifußball in den 1980er- und 1990er-Jahren einen enormen Aufschwung. Gleichzeitig gerieten Vereine und Funktionäre zunehmend in den Einflussbereich mächtiger Drogenkartelle.

Atlético Nacional aus Medellín gewann 1989 als erster kolumbianischer Verein die Copa Libertadores. Der Klub und sein Umfeld wurden damals immer wieder mit Pablo Escobar und dessen Medellín-Kartell in Verbindung gebracht.

Sportlicher Höhepunkt jener Generation war ein sensationelles Spiel am 5. September 1993. Kolumbien besiegte Argentinien in Buenos Aires mit 5:0. Selbst die argentinischen Zuschauer verabschiedeten die Gäste mit Applaus.

Plötzlich galt Kolumbien bei der WM 1994 als Geheimfavorit.

Doch das Turnier in den USA wurde zur Katastrophe. Im Gruppenspiel gegen die Gastgeber unterlief Verteidiger Andrés Escobar ein Eigentor. Kolumbien verlor 1:2 und schied wenig später aus.

Zehn Tage nach dem Spiel wurde Escobar vor einer Bar in Medellín erschossen. Ob und in welchem Umfang der Mord unmittelbar mit dem Eigentor und verlorenen Wetteinsätzen zusammenhing, ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Darstellungen. Unbestritten ist jedoch: Sein Tod wurde zum Symbol für die Verbindung von Fußball, organisierter Kriminalität und Gewalt im Kolumbien jener Jahre.

Unvergessen bleiben auch die großen Stars dieser Generation: Carlos Valderrama, der geniale Spielmacher mit der goldenen Löwenmähne, und René Higuita, der exzentrische Torwart mit dem passenden Spitznamen „El Loco“.

Den bislang größten WM-Erfolg erreichte Kolumbien 2014 in Brasilien. Erst im Viertelfinale war gegen den Gastgeber Schluss.

Chile: Fußball im Schatten der Militärdiktatur

Auch in Chile wurden Fußball und Politik auf besonders düstere Weise miteinander verbunden.

Nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 wurde das Estadio Nacional in Santiago zeitweise als Gefangenenlager genutzt. Tausende Menschen wurden dort festgehalten, verhört und misshandelt.

Der Sänger, Theaterregisseur und politische Aktivist Víctor Jara wurde ebenfalls verhaftet. Er kam jedoch in das damalige Estadio Chile, das heute seinen Namen trägt. Dort wurde er gefoltert und am 15. September 1973 ermordet. Seine Hände und Handgelenke waren schwer verletzt, sein Körper wies zahlreiche Schusswunden auf.

Weitere spannende Geschichten über den Fußball in Lateinamerika

finden Sie im Beitrag „Fußballgeschichte aus Lateinamerika: Erfolge und Superstars“.

Mehr über die kulturelle Vielfalt des Kontinents erfahren Sie außerdem auf unserer Seite Südamerika – Kultur, Musik und Sport.

Und zum Abschluss noch ein wichtiger Reisetipp:

Sprechen Sie mit einem Brasilianer über Pelé, Ronaldo, Romário oder Ronaldinho. Diskutieren Sie über die schönsten Strände, den Karneval oder die beste Caipirinha.

Aber sprechen Sie niemals über das Sieben zu Eins. 😉

Ihr Dieter Ruppert

Südamerikareisen: Dieter Ruppert in Südamerika an der Küste

Kontakt

Ich würde mich freuen wenn Ihr Interesse geweckt habe und freue mich auf Kommentare, Berichtigungen oder Gespräche.